Leseprobe "Beiß mich!"

Dunkelheit. Leise, psychedelisch angehauchte Musik, ständig gegenwärtig, aber unaufdringlich. Aufdringlicher das Stöhnen der sexuell Erregten. Hin und wieder ein Schrei des Schmerzes und der Lust ...

Es war kurz nach zwölf, an einem Mittwoch. Die Veranstaltung, wenn man es so nennen konnte, wurde Labyrinth genannt, manchmal mit einem Motto, doch heute war das nicht der Fall. Uniformtypen trafen auf Ledertypen, und hin und wieder auch ein unschuldiger Knabe, der es jedoch faustdick hinter den Ohren hatte.

Das war das Darkness, am Wochenende eine Diskothek, unter der Woche ein Treffpunkt der Hungrigen, Süchtigen, die auf der Suche nach der schnellen anonymen Nummer waren.

Ein Darkroom war zwar vorhanden, doch dieser fand nur am Wochenende Verwendung, jetzt waren Netze und Latexfolien an die Decke gespannt und trennten die Tanzfläche ab. Ein Labyrinth war entstanden.

Am nächsten Tag hatte ich Urlaub, und da unter der Woche kaum etwas in meinem Freundeskreis los war, hatte ich mich entschlossen ins Darkness zu gehen. Würde sich etwas ergeben, gut, wenn nicht, dann würde ich ein oder zwei Bierchen trinken und danach wieder nach Hause gehen. So nötig hatte ich es auch nicht.

Die Musik des Darkness ist gewöhnungsbedürftig, nicht nur zu Labyrinthzeiten.

Es ist auch nicht die Musik, die ins Darkness lockt, es ist die Atmosphäre, und natürlich die einfache Möglichkeit an Sex zu kommen, ohne viel dafür zahlen zu müssen, oder ewig in einer Kneipe zu warten.

Im Darkness musste man nicht reden, Augenkontakt genügte, man erkannte schnell genug, was der andere wollte.

Als ich das Darkness betrat, war schon einiges los. Anders als am Wochenende, wenn das Open End die Gäste spät heranlockte und sie lange blieben, musste man unter der Woche damit rechnen um vier den Laden verlassen zu müssen. Aber das war ausreichend. Meistens jedenfalls.

Ich sah mich um, neugierig ob sich das ein oder andere bekannte Gesicht finden lassen würde, aber abgesehen von den Personen, denen man hin und wieder über den Weg läuft, die man aber gewöhnlich nicht anspricht, war niemand Bekanntes zu sehen.

Ich steuerte an die Bar und orderte ein Bier. Dann suchte ich mir eine Ecke, genau den Ort, der es mir erlaubte, alles zu überblicken. Niemand würde mir entgehen, nicht die Leute, die das Darkness betraten, genauso wenig die Leute aus dem Darkroom oder aus dem Labyrinth. So gönnte ich mir meine eigene Peepshow, und auch wenn der ein oder andere ansprechende Kerl dabei war, richtig in Fahrt kam ich nicht.

Es würde wohl beim Bier bleiben. Und dem Gestöhne und der Musik.

Die Uhr meines Handys zeigte an, dass es kurz nach eins war, als ich mit meinem Bier fertig war. Leute waren gekommen und gegangen, Einzelpersonen, Pärchen, hin und wieder auch mehrere, fröhlich zur gemütlichen Orgie unterwegs. Das Labyrinth war wohl nicht gut genug. Der Gedanke ließ mich lächeln. Dennoch stand mein Entschluss fest, ich würde das Darkness verlassen. Heute war eine unspektakuläre Nacht. Ich war nicht enttäuscht, wäre mir der nächtliche, anonyme Sex heute wichtig gewesen, ich wäre durchaus auf meine Kosten gekommen.

Der Druck meiner Blase mischte sich in meine Überlegungen ein. Normalerweise gehe ich ungern in Diskotheken auf die Toilette. Am Wochenende kam man meistens sowieso nicht hinein, da dort fröhlich dem Geschlechtsakt gefrönt wurde. Selbst die Damentoilette war belegt, natürlich mit Männern, echte Frauen waren im Darkness selten. Es gab sie, aber als Minderheit und nicht zu Labyrinthzeiten.

Heute dürfte das Klo jedoch frei sein. Wozu Sex auf der Toilette, wenn man das ungeniert auf der Tanzfläche tun konnte. Und wollte man unbeobachtet sein, nun, auf der Toilette war man das auch nicht.

Ich stand auf, zog meine Jacke über und näherte mich der Toilette.

Ich hatte Recht, es war nichts los, auch wenn ich nicht alleine war, aber der andere Mann stand am Pissoir und erledigte tatsächlich sein Geschäft. Er ignorierte mich als ich mich neben ihn stellte.

Er schüttelte ab und ging an mir vorbei, Richtung Waschbecken. Ich hörte das Wasser rauschen, spürte aber auch seine Blicke auf mir ruhen.

Ich lächelte nur, wusste aber nicht was ich sagen sollte. Ich konnte seinen Blick auch nicht deuten. Es konnte Interesse sein, oder pures Verlangen. Vielleicht würde er sich gleich auf mich stürzen, aber ich gelangte ohne Probleme ans Waschbecken.

Die Toiletten im Darkness sind nicht sehr groß, und der Vorraum zwischen Diskothek und Pissoirs war winzig, ein Wunder, dass ein Waschbecken und ein Handtrockner dort Platz hatten.

Als ich an ihm vorbeiging, glaubte ich ein Knurren zu hören. Das bösartige Knurren eines Hundes. Aber es musste Einbildung sein, oder der DJ hatte sich total in der Auswahl seiner Musik vertan.

Ich wusch meine Hände, trocknete sie ab und war gerade dabei die Toilette wieder zu verlassen, als der Mann nach meinen Händen griff, mich an sich zog und mich küsste. Aus heiterem Himmel. Hätte ich es gewollt, so hätte ich mich wehren können. Ich tat es nicht. Ich wollte geküsst werden. Von ihm. Ich wollte mehr.

Der Kuss musste reichen. Vorerst. Aber er schien ewig zu dauern. Ich hatte die Augen geschlossen, das war reine Gewohnheit, der Kuss schien so intensiver zu sein.

Unsere Lippen pressten sich aneinander, langsam, aber fordernd schob er seine Zunge in meinen Mund und erforschte meine Höhle. Seine Zunge berührte meine, langsam fuhr er an ihr entlang, schließlich fand auch ich den Weg in seinen Mund. Er wurde fordernder, härter. Ich stöhnte leise, fast nicht wahrnehmbar. Er knurrte. Das Knurren kam eindeutig von ihm. Es war seltsam, irritierend, aber es störte nicht beim Küssen.

Am Rande bekam ich mit, dass jemand die Toilettentür öffnete, sie aber schnell wieder schloss. Wer auch immer das war, wäre an uns nicht vorbeigekommen.

Unsere Zungen lösten sich, schließlich auch unsere Lippen. Wir sahen uns an. Seine Augen waren seltsam, aber auf erregende Weise. Sie waren rehbraun, fast schon zu unschuldig für einen Ort wie diesen. Das Braun wurde unterbrochen von kleinen goldenen Sprenkeln. Seltsam, faszinierend, erregend.

"Ich musste das tun", sagte er nur, eine weiche, aber leicht grollende Stimme. Ich schluckte kurz, ehe ich meine Antwort gab: "Ich wollte, dass du es tust."

Ich wollte grinsen, aber er nahm meinen Kopf in seine Arme und führte meinen Mund an seinen. Erneut umfing uns die Ewigkeit eines intensiven, erforschenden Kusses. Er schmeckte nach Minze. Ich leckte über seine Zähne, leckte an seiner Zunge, über seine Lippen, mit geschlossenen Augen. Seine Hände gruben sich in mein Haar, ich stöhnte, er knurrte. Dann schob er mich weg.

Er grinste mich an, etwas verlegen.

"Was tun wir nur hier?"

Ich grinste zurück. "Knutschen, wie Teenager."

"Sind wir das?"

Nein, Teenager waren wir auf gar keinen Fall. Ich war jenseits der 30, und auch ihn schätzte ich in meinem Alter, ein paar Jahre hin oder her.

Wir sahen uns an. Nur kurz, sein Blick traf auf meinen, und es schien nichts anderes als Einverständnis darin zu liegen. Er griff nach meiner Hand und zog mich aus der Toilette. Ich wusste nicht, wohin er wollte, ich ließ mich von ihm führen.

Wir tauchten ein in die Anonymität des Labyrinths, der Geruch von Schweiß und Poppers war allgegenwärtig, das Stöhnen, die wenigen Worte, die gewechselt wurden, Easy Listening.

Er drückte mich an eine Wand, sein Mund forderte erneut. Er war stark, selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte ihm nichts entgegensetzen können, körperlich war er mir überlegen. Aber bereitwillig gab ich seinen Forderungen nach. Das Poppers der anderen benebelte meine Sinne, das Knurren meines Partners, die Musik und die anderen Nebengeräusche, alles wurde zu einem vermischt. Ich spürte wie er meine Jacke auszog und achtlos auf den Boden fallen lies. Es war egal, es spielte keine Rolle. Die Augen geschlossen, seine Zunge in meinem Mund, meine Zunge in seinem Mund, sein Mund an meinem Kinn, an meinem Hals. Mein T-Shirt landete neben meiner Jacke und nicht viel Zeit verging und ich stand nackt vor ihm während er noch vollkommen bekleidet war. Es war egal. Er knurrte, ich stöhnte. Sein Mund, seine Lippen, sie erforschten meinen Körper. Ich ließ es geschehen. Meine Augen geschlossen, benebelt vom Poppers, die Haut alles aufnehmend, was er mir gab, seine Küsse, seine Leidenschaft.

Ich war das Wachs in seinen Händen, er formte mich, wie wir es wollten. Er drehte mich um, drang sanft mit seinen Fingern in mich ein. Mein Stöhnen wurde heftiger, aber auch in ihm wurde etwas Stärkeres, Brutaleres geweckt. Er wurde wilder und heftiger. Sein Knurren nahm eine bedrohliche Lautstärke an ...