Leseprobe "Nur ein Mensch"

Es war bereits dunkel als ich mich vor dem Haus einfand und an der Tür klingelte. Lamar, das war der Name auf der Karte, ich wusste nicht ob Mann oder Frau. Der Summer öffnete den Eingang. Im zweiten Stock fand ich eine offene Tür, die Wohnung Lamars. Nach einem zaghaften Klopfen trat ich ein, immerhin war das kein gewöhnliches Vorstellungsgespräch, meiner Meinung nach. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was dies hier war. Und wer wusste schon, welche Gäste erwartet wurden. Zögernd sah ich mich in der Wohnung um. Sie wirkte eher wie ein Büro, nichts deutete auf etwas Privates hin. Nur kahle Wände, beleuchtet von einer Neonröhre, die ihr kaltes Licht verströmte. Aus einem Nebenzimmer konnte ich das Plätschern eines Zimmerbrunnens und leise Klaviermusik hören. Ich ging den Geräuschen nach.

Die Wohnung hatte, soweit ich das sehen konnte, vier Zimmer. Von der Eingangstür gelangte man in einen Flur, der groß genug war, selbst als Zimmer genutzt zu werden. Aber er stand leer. Die Tür zum Zimmer mit den Geräuschen war leicht angelehnt, und nach einem weiteren Klopfen trat ich ein. Ich musste mich tatsächlich in einem Büro befinden. Welchen Zweck es allerdings mitten zwischen normalen Wohnungen hatte, war mir ein Rätsel. Vielleicht hatte ich auch nur zu wenig gesehen, um mir einen Gesamteindruck erlauben zu können.

An einem schlichten Schreibtisch saß ein junger Mann von beunruhigender Schönheit. Ich kann meine Gefühle nicht beschreiben, ich wusste selbst nicht, was mit mir geschah. Mir wurde kalt, eiskalt, und meine Nackenhaare stellten sich auf. Mein Körper begann zu vibrieren und kalter Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Mein Mund wurde trocken und ich hatte den Eindruck langsam in Dunkelheit hinabzudämmern.

Er war sehr schnell, denn bevor ich auf den Boden sinken konnte, war er bei mir und fing mich auf. Langsam führte er mich zu einer Couch und legte mich ab. Er lächelte nur, während ich mich beruhigte. Mir war das alles sehr peinlich.

"Entschuldigung", sagte er leise, veränderte seinen Gesichtsausdruck aber nicht. Erneut wurde mir abwechselnd heiß und kalt. Ich schloss die Augen, und als ich sie öffnete war er über mich gebeugt. Er, das schönste Wesen aller Zeiten. So bezaubernd, dass er nicht real sein konnte. Er hatte den Körper eines Knaben, die feinen Züge eines jungen Mannes. Ich begehrte ihn, ich wollte ihn berühren, ihn besitzen. Überwältigt von meinen unerwarteten Gefühlen errötete ich. Er lachte.

"Ich bin Lamar", stellte er sich vor. "Und es tut mir leid."

Meine Stimme versagte. Ich wollte ihn fragen, was ihm leid tat, doch als ich glaubte, die Worte würden meinen Mund verlassen, kam nichts als ein Krächzen aus meinem Hals. Wie gerne wäre ich in einer dunklen Ecke verschwunden. Die ganze Situation war seltsam.

Lamar reichte mir ein Glas Wasser. Dankbar trank ich es, und meine Stimme kam zurück. Aber was sollte ich jetzt noch sagen, nach all diesen Peinlichkeiten, die seit meinem Eintreten geschehen waren?

"Danke", hauchte ich nur, sehr leise, da ich meiner Stimme noch nicht ganz vertraute. Aber sie klang vollkommen normal.

Lächelnd zog sich Lamar an seinen Schreibtisch zurück. "Nun, da es dir wieder besser geht, können wir ja über das Geschäft sprechen", sagte er, als ob nichts passiert wäre. Ich setzte mich auf, aber er deutete mit einer Handbewegung an, dass ich liegen bleiben sollte.

"Ich hätte es besser wissen müssen...", flüsterte er, aber da er sehr leise sprach, verstand ich den Rest des Satzes nicht. Ich sah ihn an, blickte in seine grünen Augen, sah sein Verlangen, die Begierde. Oder wollte ich das nur sehen?